Ich will Blut sehen

Obwohl sonst nicht als blutrünstig bekannt, ist mein Freundes- und Bekanntenkreis es doch mittlerweile gewohnt, sich regelmäßig mit meinen missionierenden Blutspende-Avancen auseinandersetzen zu müssen. Ich sehe es so: Viele haben sich einfach noch nicht wirklich mit dem Thema Blut-, Stammzellen und Organspende beschäftigt. Das ist im Grunde erst einmal nicht schlimm, das allein macht noch keinen schlechten Menschen. Aber genauso wenig ist es schlimm, sich grundsätzlich klarzumachen, dass z.B. Blut nicht auf Bäumen wächst und auch nicht synthetisch hergestellt werden kann. Trotzdem wird es gebraucht. Und wir können nie wissen, wann man selbst oder einer der Liebsten einmal auf eine lebensnotwenige Spende angewiesen ist.

Braucht es also immer irgendein prominentes Exempel, damit wir uns über grundlegende Dinge im Rahmen der Nächstenliebe und eines funktionierenden Gesundheitssystems Gedanken machen? Ich glaube nicht. Wer von Euch also zu den drei Prozent der aktiven Blutspender in Deutschland gehört und sowohl in einer Stammzellenspenderdatei registriert ist, als auch einen Organspendeausweis im Portemonnaie trägt, kann sich jetzt kurz gönnerhaft auf die Schulter klopfen. Allen Anderen berichte ich nun von meinem gestrigen Blutspende-Abenteuer in der Hoffnung, sie mögen eventuell ihre Scheu verlieren oder etwas Motivation finden:

#Fakt1: Bevor hier überhaupt irgendetwas losgehen kann, solltet Ihr Euch fragen, ob Ihr zu einer der folgenden Personengruppen gehört. Denn von der Blut-, Stammzellen und Organspende grundsätzlich ausgeschlossen sind drogenabhängige, kranke oder anderweitig infizierte Menschen. In puncto Blutspende müssen sich unter 18-jährige noch etwas gedulden und frisch tätowierte oder operierte Personen sind, zumindest für einen Zeitraum von ca. fünf Monaten, von einer Spende ausgeschlossen.

15:00 Uhr: Schnell noch einen Schokoriegel vertilgt und etwas Wasser getrunken, gleich wird’s ernst.

15:10 Uhr: Ankunft beim Blutspendezentrum des DRK (Deutsches Rotes Kreuz) in der Essener Innenstadt. Zur Anmeldung bringe ich neben der gewöhnlichen Aufregung und meinem Ausweis auch einen Erstspender mit (Frischfleisch bzw. Frischblut). Wir werden herzlich in Empfang genommen und bekommen schon am Eingang das erste kleine Geschenk in die Hand gedrückt. Hier wird sich das erste Mal versichert, dass wir am heutigen Tage bereits ausreichend viel gegessen und am besten besonders viel getrunken haben (selbstverständlich nur antialkoholische Liquide).

#Fakt2: Bedenkt, dass immerhin 528 ml des scharlachroten Lebenselixiers abgezapft werden, die es nun durch Zucker für den Kreislauf und durch Flüssigkeit für den Körper zu kompensieren gilt.

15:15 Uhr: Um sicherzustellen, dass wir fit und bereit sind, werden wir zum Ausfüllen der Spenderformulare ins Bistro geschickt, wo man uns mit Speis IMG_1070und Trank zu verwöhnen und für die nun anstehende Spende zu stärken gedenkt. Ein Fragebogen stellt einerseits sicher, dass die nun folgende Blutspende weder für uns als Spender, noch für den Empfänger ein Risiko oder eine Gefahr birgt. Dazu werden Angaben zu Vorerkrankungen, Operationen und dergleichen gemacht. Begleitet wird das Ganze durch eine gute Seele, die dafür sorgt, dass der stete Cola- oder Apfelschorle-Fluss nicht versiegt. So lässt es sich leben.

15:25 Uhr: Im privaten Arztgespräch wird gecheckt, ob wir uns nicht nur fit und gesund fühlen, sondern auch, ob wir es auch faktisch sind. Vitalwerte wie Körpertemperatur, Blutdruck oder Hämoglobin-Wert werden gemessen und eventuelle Unklarheiten, Fragen oder Bedenken besprochen.

#Fakt3: Der Selbstausschluss. Zwischen Arztgespräch und Spende kann man vertraulich und anonym festlegen, dass die eigene Spende, obwohl geleistet, nicht verwendet werden soll. Dies stellt sicher, dass Spender mit beispielsweise Infektionskrankheiten auch unter „Gruppenzwang“ Blutspenden gehen können, ohne sich vor dem Arzt und einer potentiellen Begleitung „outen“ zu müssen. Diese Spende wird dann im Anschluss vernichtet.

IMG_107715:35 Uhr: Die Spende. Es geht los. Obwohl man mir gerade feierlich eröffnet und sich dafür bedankt, dass ich soeben meine zehnte unentgeltliche Blutspende absolviere, bin ich im Angesicht der Nadel immer nervös. Ich werde nicht lügen, die Nadel ist ziemlich dick. Tatsächlich werde ich aber durch die offizielle Urkunde, goldene Ehrennadel und einem neuerlichen Haufen Geschenke und Aufmerksamkeiten erfolgreich abgelenkt. Auch der Erstspender neben mir hält sich tapfer und hat den Einstich in die Ellenbeuge überlebt, auch wenn das Blut schon zu fließen begonnen hat.

#Fakt4: Die Spende an sich dauert nur knapp 10 Minuten. Mit ärztlichem Check-Up und der anschließenden Ausruh- und Stärkungsphase sollte man aber insgesamt schon ein Stündchen einplanen.

Zusätzlich ist meine Begleitung – vermutlich durch den Anblick des eigenen Blutes in einem transparenten Plastikbeutel vollends berauscht – so kühn und hat sich Typisieren lassen.

#Fakt5: Zur Typisierung wird noch eine Phiole mehr Blut entnommen, welche dann in eine Datei für Stammzellen- und Knochenmarkspender eingespeist wird. Hierbei ist es egal, ob Ihr Euch bespielsweise bei der DKMS (Deutsche Knochenmarkspenderdatei) oder der WSZE (Westdeutsche Spenderzentrale – Datei für Knochenmark- und Blutstammzell-Spender) aufnehmen lasst, die Möglichkeit tatsächlich Leben zu retten ist und bleibt die gleiche.

Und als ob das noch nicht genug wäre, entscheidet sich der mutige Erstspender auch noch für das Ausfüllen und Mitführen eines Organspendeausweises. Einmal den Rundumschlag, bitte.

#Fakt6: Das Ausfüllen eines Organspendeausweises schmerzt wohl noch weniger, als es eine Blutspendenadel je könnte. Denn auch wenn der Gedanke an den eigenen Tod nicht besonders erheiternd ist, sollte man sich trotzdem vergegenwärtigen, was Andere mit dem eigenen Körper noch anfangen könnten, wenn dieser nicht mehr selbstständig arbeitet (der Gedanke ist erst einmal recht ekelig, das gebe ich zu). Wenn aber der Hirntod diagnostiziert ist, kann es einem ziemlich egal sein (denken und fühlen ist dann folglich keine Option mehr), ob noch einmal an einem herumgefriemelt wird, bevor man in eine Kiste kommt, oder nicht.

15:45 Uhr: Die Blutbeutel sind voll. Wir bekommen Getränke unserer Wahl gereicht und sollen uns noch ein wenig ausruhen, bevor wir wieder aufstehen.

15:50 Uhr: Zurück im Bistro erwarten uns weitere Stärkungen kulinarischer Art. Im Gespräch mit zwei der freundlichen Mitarbeiterinnen haken wir noch einmal nach:

In welchem zeitlichen Abstand wird gespendet?
#Fakt7: Wer nicht auf einen Spendeterminrechner oder die Errechnungs- und Erinnerungsfunktionen der hauseigenen DRK-App zurückgreifen möchte, kann sich grob merken, dass Frauen bis zu vier und Männer bis zu sechs Mal jährlich in regelmäßigem Abstand spenden gehen dürfen.

Wann erhalte ich als Erstspender meinen Blutspendeausweis? Bekomme ich im Zuge der Typisierung auch einen?
#Fakt8: Der Blutspendeausweis wird binnen der nächsten vier Wochen zugesandt. Zusätzlich erhält man die Bestimmung der eigenen Blutgruppe und eine Prüfung des Bluts auf Krankheiten. Letzteres wird nach jeder Spende geprüft und im Falle einer Krankheit oder Infizierung direkt an den Spender übermittelt. Die Zusendung des Stammzellenspendeausweises kann insgesamt ein wenig länger dauern.

Also ist die Blutspende auch indirekt ein regelmäßiger Gesundheits-Check-Up?
#Fakt9: Das kann man tatsächlich so sehen. Nicht nur wird dann regelmäßig das Blut untersucht und geprüft, auch kann eine regelmäßige Blutspende, besonders bei Männern (in der Damenwelt besteht ja ein monatlicher Grund zur Blutneubildung), gesundheitsfördernd sein und Herzinfarkten vorbeugen. Den Körper also immer wieder zur Genese frischen Blutes anzuregen, kann folglich nicht schaden.

Ist es wichtig, dass ich Blut- und Organspendeausweise im Portemonnaie immer bei mir trage?
#Fakt10: Solche Dokumente sollte man stets bei sich tragen, da nicht abzusehen ist, wann und wo diese Informationen gebraucht und schnell IMG_10931erfasst werden müssen. Bei einer Bluttransfusion nach einem schweren Unfall, kann das Wissen über die Blutgruppe des Verletzten wertvolle Zeit sparen und ggf. das Leben retten.

16:00 Uhr: Gut informiert, vor allem aber gesund und munter stehen wir nun wieder auf der Straße und ich kann nicht verhehlen, dass es sich gut anfühlt. Das liegt nicht an den zwei Tüten voller Geschenke, auch nicht an den vielen freundlichen Menschen, die uns in der vergangenen Stunde so gut umsorgt haben (im Grunde darf man das Gebäude ohne eine Tafel Schokolade gar nicht verlassen, also wehrt Euch gar nicht erst). Es ist wohl das Wissen darüber, seinen Teil beigesteuert zu haben und jemandem, den man gar nicht kennt und (auch im Falle von Stammzellen- oder Organspende) niemals kennenlernen wird, geholfen zu haben bzw. die Möglichkeit zu haben, eines Tages einmal helfen zu können.

IMG_1081#LetzterFaktFürHeute: Ob Ihr Euch nun dazu entschließt, Euch hinsichtlich solcher Dinge zu engagieren oder nicht: Niemand wird Euch verurteilen. Auch eine Blutspende gegen Geld in Krankenhäusern oder bei staatlich-kommunalen Blutspendediensten ist möglich. Doch werde ich – so wie die acht Neuspender, die ich bisher akquirieren konnte – eher bei der unbezahlten Variante bleiben. Den direkten Vergleich habe ich nicht. Aber ich kann mir vorstellen, dass sich das Nadel aus dem Arm ziehen, Geld in die Hand gedrückt bekommen und wieder vor die Tür gesetzt werden, deutlich weniger schön anfühlt, als die Wertschätzung, die einem ansonsten zuteil wird.

Der Dank geht an dieser Stelle aber an all diejenigen, die generell etwas für Andere tun. Ob für Oma einkaufen oder Fremde auf dem Ticket mitnehmen. Lasst uns so viel Lächeln, so viele helfende Hände, Blut und Zeit verschenken und spenden, wie wir haben. Das mit den Organen heben wir uns für später auf. 😉

Svenja

Hinweis: Schaut doch auch einmal, wann die mobile Blutspende in Eurer Nähe oder sogar an Eurem Campus ist. Auch den Organspendeausweis bekommt Ihr fast überall, könnt ihn online bestellen oder herunterladen und ausdrucken.

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