Auf den Spuren Marco Polos

Was verbindet die Millionenmetropole Chongqing – die größte Stadt der Welt – und Duisburg? Die meisten von uns würden wahrscheinlich spontan sagen: Nichts! Aber weit gefehlt. Die beiden Städte, die sich zugegebenermaßen in den meisten Punkten extrem von einander unterscheiden, haben ein verbindendes Element: eine direkte Zugverbindung und das mehrmals wöchentlich. Und der Zug hat selbstverständlich auch einen Namen: Yuxinou-Zug. Der Name des Zuges ist gebildet aus dem Kurzwort für Chongqing Yu sowie den chinesischen Begriffen Xīn (für neu) und Ōu (für Europa, Eisen, Weg und Bahn).

Zug nach Duisburg

Bahnhof pixabayÜber 10.000 Kilometer fährt der Yuxinou, sechs Länder durchquert er und an den Grenzen wechselt jeweils der Zugführer, damit stets einheimisches Personal die nationale Strecke befährt. 16 Tage ist er in der Regel unterwegs, dreimal die Woche verkehrt der rund 650 m lange Zug zwischen China und Deutschland und transportiert jeweils etwa 50 Frachtcontainer. Die Strecke führt durch China, Kasachstan, Russland, Weißrussland, Polen und Deutschland. Mit 16 Tagen Fahrtzeit ist er 20 Tage schneller als ein Containerschiff, das an Chinas Ostküste ablegt und nur halb so teuer wie der Transport per Luftfracht. Seit dem 31. August 2012 ist der rollende Koloss offiziell unterwegs, um Handelsgüter zu transportieren.

750 Jahre zuvor brach Marco Polo von Europa aus auf, um nach einjähriger Reisezeit China zu erreichen und den Handel zwischen Europa und Asien aufzunehmen. Er nutzte ein Netz von Karawanenstraßen, genannt die Seidenstraße, die die Kontinente auf dem Landweg verbanden. Auf der Seidenstraße gelangten fortan nicht nur Kaufleute, Gelehrte und Armeen, sondern auch Ideen, Religionen und ganze Kulturen von Ost nach West und umgekehrt. In der Volksrepublik China wird der Yuxinou als „moderne Seidenstraße“ bezeichnet.

Chongqing (Oliver Ren - CC BY-SA 3.0)
Chongqing (Oliver Ren – CC BY-SA 3.0)

Wenn der Zug in Duisburg einrollt, ist er durch mehrere Klimazonen gereist, hat zwischen Asien und Europa landschaftliche Extreme durchquert. In Kasachstan oder Russland geht es sehr lange einfach nur geradeaus, in Europa und dem industriellen Ballungsraum um Chongqing sieht das wegen der dichteren Besiedelung natürlich anders aus. Chongqing ist so groß wie Österreich und so bevölkerungsstark wie Österreich, die Schweiz, die Slowakei und Tschechien zusammen: 82 000 Quadratkilometer, 32 Millionen Menschen. Chongqing ist weit größer als Tokio, Mexiko-Stadt oder Shanghai, ist die größte Stadt der Welt – von der erstaunlicherweise die Welt aber noch nie gehört hat.

Mehrfach muss die Fracht umgeladen werden, weil die Spurbreite europäischer und chinesischer Gleise nicht mit denen in Russland übereinstimmt. Zuletzt rollt der Zug über den Rhein und endet am Duisburger Logport. Mit dabei ist auch ein Sicherheitsdienst, damit genauso viel ankommt, wie eingeladen wurde.

Zug transportiert Computer, Handys und Textilien

containerInsbesondere Elektronikartikel aus den riesigen Produktionsstätten von Firmen wie Hewlett-Packard, Foxconn oder Acer werden über die Strecke auf die Reise geschickt, auch hier gilt es saisonale Besonderheiten zu beachten. Das geschieht aber nicht aus Gründen der Nachhaltigkeit. Damit im kalten russischen Winter die Hightech-Geräte nicht kaputt frieren, müssen auch schon mal wärmere Temperaturen abgewartet werden. Auch Baustoffe, Textilien oder Maschinenteile werden transportiert, meist jedoch in größerem Umfang in Richtung Europa.

Der Personentransport auf der Fernstrecke ist bislang mit dem Flugzeug sowohl vom Zeitaufwand, als auch von den Kosten deutlich günstiger. Wahrscheinlich würde ein Reisender auch auf Dauer den Ohrwurm von Christian Anders nicht mehr aus dem Kopf bekommen

Es fährt ein Zug nach Nirgendwo,
Mit mir allein als Passagier.
Mit jeder Stunde, die vergeht,
Führt er mich weiter weg von Dir.

Es fährt ein Zug nach Nirgendwo,
Den es noch gestern gar nicht gab.

Gastbeitrag von Petra Karst

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