Studieren mit Behinderung oder chronischer Krankheit – (K)ein Problem?

Die meisten Studis machen sich zwischen unterbezahltem Nebenjob und täglichem Marsch in die Vorlesung oft keine Vorstellung davon, wie es sein könnte, beispielsweise einen Job nicht ausüben zu können, auf dem Weg zur Vorlesung als Rollstuhlfahrer/in auf eine unüberwindbare Treppe zu stoßen oder als Studi mit Sehbehinderung in der Vorlesung keinen Platz in den ersten Reihen zu bekommen. Aber der Alltag junger Studierender mit Behinderung oder chronischer Krankheit bringt zahlreiche Komplikationen mit sich. Dabei sind die Hürden nicht ausschließlich architektonischer Art.

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Beitrag zum 26. Plakatwettbewerb des Deutschen Studentenwerks (2012) – „Studieren mit Behinderung oder chronischer Krankheit“

Der Anspruch auf generelle Chancengleichheit ist gesetzlich verankert und auch Universitäten und Studierendenwerken ein großes Anliegen. Ziel ist es, ein in möglichst jeglicher Hinsicht barrierefreies Studium für Studis mit Behinderung oder chronischer Krankheit zu gewährleisten. Unter dem Motto „Offen im Denken“ wird Diversität unter Studierenden und Mitarbeiter/innen der Uni Duisburg-Essen als eine besondere Chance zu Bildungsgerechtigkeit und Exzellenz verstanden und eine sich stets verbessernde inklusive Hochschulbildung angestrebt.

Behinderungen und chronische Krankheiten
„Menschen sind behindert, wenn ihre körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweichen und daher ihre Teilhabe in der Gesellschaft beeinträchtigt ist.“, so die rechtliche Definition durch das Deutsche Studentenwerk. Es gibt also zahlreiche Behinderungen oder chronischen Krankheiten, die Außenstehenden verborgen bleiben, die Betroffene aber trotzdem im Universitätsalltag beeinträchtigen. Diese Beeinträchtigungen – seien sie körperlicher, geistiger oder seelischer Natur – erschweren den Studierenden die Teilhabe am Studium, weswegen oftmals besondere Maßnahmen notwendig sind.

Universität und Studierendenwerk versuchen aus diesem Grund, bauliche, kommunikative, strukturelle und didaktische Barrieren abzubauen, damit die

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Mensa-Zugang an der Hochschule Ruhr West in Mülheim

Zahl der Studis, die durch ihre Behinderung oder chronische Krankheit laut einer Sondererhebung des Deutschen Studentenwerks von 2011 nachweislich länger studieren als ihre nicht-beeinträchtigten Kommilitonen, sinkt. „Immerhin“, gibt Studierende Sarah zu bedenken, „ist die Barrierefreiheit, ebenso wie die chancengerechten Zugangs- und Studienbedingungen, für Studierende mit Beeinträchtigung ein gesellschaftlicher Wert, der gesetzlich verankert ist.“

Hürden im Studienalltag
Trotz dieser steten Bemühungen, ist es für viele betroffene Studis nach wie vor nicht einfach, ihren Alltag an der Universität zu meistern. „Für mich als Rollstuhlfahrerin“ berichtet Sarah weiter, „sind beispielsweise viele Räume im alten Hörsaalzentrum der UDE nicht oder nur schwer zugänglich. Auch gibt es Gebäude der Schützenbahn, die für gehbehinderte Studierende überhaupt nicht erreichbar sind, da man dieselben nur über Stufen erreichen kann. Gegen den Einsatz von Rampen oder Treppenlifts wird mit dem Denkmalschutz argumentiert.“ Zusätzlich zu den offensichtlichen baulichen Hindernissen ergäben sich auch Probleme finanzieller Benachteiligung, die bürokratischen bzw. sozialrechtlichen Ursprungs sind: Kaum ein Studierender sei finanziell in der Lage, persönliche Assistenzkräfte zu bezahlen. Die entsprechenden Anträge für die Kostenübernahme seien zudem bürokratisch sehr aufwändig und es ergäben sich diverse rechtliche Benachteiligungen.

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Beitrag zum 26. Plakatwettbewerb des Deutschen Studentenwerks (2012) – „Studieren mit Behinderung oder chronischer Krankheit“

Möglichkeiten der Verbesserungen
Um eine kontinuierliche Anpassung und Verbesserung der Universität in jeglicher Hinsicht sicherstellen zu können, bedarf es also nicht nur fachlicher Experten vor Ort, sondern im Besonderen der Meinung und des Erfahrungsschatzes der betroffenen Studierenden. Nützliche Beschilderung barrierefreier Zugänge, funktionierende elektrische Türöffner und niedriger angebrachte Aufzugknöpfe seien laut Sarah ebenso wichtig wie die Vermittlung von Studis, die als „Persönliche Assistenz“ arbeiten können und wollen. „Gerade weil ich regelmäßig auf Hilfe angewiesen bin, kann und sollte ich mich trotz der allgemeinen Hilfsbereitschaft meiner Mitstudierenden und Dozent/innen nicht darauf verlassen, dass immer jemand da ist, um zu unterstützen“, berichtet sie. „Ohne diese Möglichkeit der Unterstützung könnte ich nicht studieren.“ Die Organisation der „Persönlichen Assistenz“ würde aber in der Regel vom betroffenen Studierenden selbst vorgenommen oder laufe über Assistenz-Vereine im Sinne des Peer-Counseling, so Daria Celle Küchenmeister, Beauftragte für Behinderung im Studium an der UDE.

Die Beratung
JEE_151006_DSW-Berlin_0983„Und genau aus diesem Grund ist es wichtig, dass Studierende mit Behinderung oder chronischer Erkrankung ihre Unterstützungsangebote kennen“, sagt Beraterin Anna Felling vom Studierendenwerk Essen-Duisburg, „wir gehen in der Beratung auf die individuelle Situation ein, sodass jede/r Studierende die passende Auskunft über mögliche Förderungen erhält. Zu diesem Zweck wird das Beratungsangebot für diesen Zweig personell weiter ausgebaut.“
Auf fachlicher Ebene tauschen sich die BeraterInnen des Studierendenwerks z. B. im Beratungsnetzwerk in Duisburg mit ihren Kollegen aus. Mehr zu den Mitgliedern des Netzwerks gibt es hier.

Es wird zu Themen informiert wie:

  1. Nachteilsausgleich
    Ein Studi mit Behinderung oder chronischer Krankheit kann bei der Studienorganisation oder in Prüfungen vor große Herausforderungen gestellt werden: Es kann beispielsweise eine Klausur auf Grund der Beeinträchtigung nicht mitgeschrieben werden oder die Rahmenbedingungen der Klausur sind nicht erfüllbar. Dann kann ein Antrag auf einen Nachteilsausgleich gestellt werden, damit eine passendere Prüfungsform für den betroffenen Prüfling gefunden werden kann. Es wird also ein Ausgleich für den krankheitsbedingten Nachteil geschaffen.
  1. Mobilitätsausgleich
    Der Teil des Semesterbeitrags, den das Semesterticket veranschlagt, kann unter Vorlage eines Gutachtens oder eines Schwerbehindertenausweises beim ASTA zurückerstattet werden.
  1. Behindertengerechtes Wohnen
    In den Wohnheimen des Studierendenwerks Essen-Duisburg gibt es auch behindertengerechte Wohnungen. Diese sind barrierefrei und speziell ausgestattet.
  1. Interessengemeinschaften
    Neben dem Beratungsnetzwerk in Essen und Duisburg gibt es zusätzlich Gemeinschaften wie die BckS-UDE, aus deren Erfahrungs- und Wissensschatz geschöpft werden und über deren Kontakte gut vermittelt werden kann.

barrier-free-1138387_1280Demnach liegt in der Realisierung chancengerechter Studienbedingungen noch ein großes Entwicklungspotential und erfordert die Zusammenarbeit aller Instanzen. Auf diese Weise kann sowohl bei Studierenden mit Behinderung oder chronischer Krankheit die Angst vor Stigmatisierung und Benachteiligung abgebaut und bei ihren nicht-beeinträchtigten Kommilitonen und Kommilitoninnen ein Bewusstsein für Mithilfe und Unterstützung geschaffen werden. Denn gerade introvertierten Behinderten falle es oft, auch aufgrund ihrer Behinderung, schwer, Kontakt aufzunehmen und um Hilfe zu bitten, sagt Sarah.

Svenja

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